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Artikel in der taz vom 21.11.2009

Das Monster von Stuttgart

BAUPROJEKT Die Verlegung des Bahnhofs unter die Erde würde Stuttgart verändern. Am Montag soll der Termin des Baubeginns verkündet werden. Der Streit spaltet die Stadt
STUTTGART taz Giftiger Streit um ein gigantisches Projekt: Die Auseinandersetzung um das Megavorhaben Stuttgart 21 wird schärfer. Der Sprecher des Projekts, Wolfgang Drexler, wirft den Gegnern des milliardenteuren unterirdischen Bahnhofs in der sonntaz "reine Panikmache" vor, weil sie vor einer Einsturzkatastrophe wie in Köln warnen. Dagegen nannte der Gemeinderat Gangolf Stocker Verfechter des Tiefbahnhofs eine "Mafia".
Bund, Land und Bahn wollen den Stuttgarter Hauptbahnhof samt kilometerlangen Tunnelanlagen unter die Erde verlegen. So soll die Stadt neue Bauflächen gewinnen. Gut für Stuttgart, sagt die Gemeinderatsmehrheit. Nur ein Immobiliengeschäft, das Milliarden verschlingt, finden die Gegner. Am Montag soll der Termin für den Baubeginn bekannt gegeben werden, obwohl die Bahn AG noch bis 31. Dezember aus Deutschlands größtem Infrastrukturprojekt aussteigen kann. Bahnchef Rüdiger Grube hat bekundet, die kalkulierten 3,076 Milliarden Euro reichten nicht. Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) warnte die Bahn, alles abzublasen. "Dann muss man reden, warum die Bahn nach so vielen Jahren Planung nicht richtig kalkuliert hat", sagte er der taz.
INGO ARZT
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Wem gehören die Städte?

BAUPOLITIK In Stuttgart soll der Bahnhof für drei Milliarden Euro tiefergelegt werden. In Hamburg wächst die teure HafenCity - und die Wohnungsnot. Viele Bürger wehren sich
BERLIN taz Der Streit über gigantische Bauprojekte in großen deutschen Städten nimmt zu. In Stuttgart soll am Montag der Termin für den Baubeginn des Projekts "Stuttgart 21" bekannt gegeben werden. Nach den bisherigen Planungen würde der Hauptbahnhof samt kilometerlangen Tunnelanlagen unter die Erde verlegt. Der Sprecher des Projekts, Wolfgang Drexler, wirft den Gegnern des milliardenteuren Baus in der sonntaz "reine Panikmache" vor, weil sie vor einer Einsturzkatastrophe wie beim Kölner Stadtarchiv warnen. Dagegen nannte der Gemeinderat Gangolf Stocker Verfechter des Tiefbahnhofs eine "Mafia". Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) warnte die Bahn, die noch bis 31. Dezember aus Deutschlands größtem Infrastrukturprojekt aussteigen könnte, vor einem Rückzug.
In Hamburg erregt der Ausbau der HafenCity mit der neuen Elbphilharmonie die Gemüter. Die Kosten des Vorzeigeprojekts haben sich inzwischen verdreifacht. Gleichzeitig kämpfen Künstler und andere Bewohner im Gängeviertel für den Erhalt des traditionsreichen Arbeiterquartiers. Die Stadt verhandelt jetzt mit dem Investor über einen Rückkauf des Areals.
IA, LKW
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Stuttgart 21

Kampf um den Megabahnhof

Die Stadt ist gespalten, die Kontrahenten bekriegen sich, die Bahn AG rechnet noch. Nächste Woche soll der Baustart für Deutschlands größtes Verkehrsprojekt bekannt gegeben werden. VON INGO ARZT
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Stuttgart 21: "schöne neue Bahnwelt" im Herzen der Ländle-Metropole.    Foto: dpa

STUTTGART taz | Der Streit um das Megavorhaben Stuttgart 21 wird schärfer. Der Sprecher des Projekts, der SPD-Politiker Wolfgang Drexler, warf den Gegnern Panikmache vor. Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) warnte die Bahn AG davor den Bau des unterirdischen Hauptbahnhofes doch noch abzublasen. Der Gemeinderat Gangolf Stocker, der einer der Anführer der Proteste ist, nennt die Befürworter in der sonntaz eine "Mafia".
Bund, Land, Stadt und Bahn wollen den Stuttgarter Hauptbahnhof samt kilometerlanger Tunnelanlagen unter die Erde verlegen. Der neue Tiefbahnhof soll den alten Kopfbahnhof ersetzen. Nächste Woche will Drexler den Termin für den Baubeginn bekannt geben. Es handelt sich nach Angaben der Bahn AG um das größte Infrastrukturprojekt Deutschlands.

Gegner des Projekts, Bürgerinitiativen, die Grünen, Die Linke, Naturschützer um BUND und Verkehrsclub Deutschland, fordern seit Jahren, den alten Kopfbahnhof zu erhalten und umfangreich zu erneuern. Sie hoffen nun, dass die Pläne für den Tiefbahnhof in einem neuen Finanzierungsstreit kippen.

Die Reportage zu Stuttgart 21 lesen Sie in der sonntaz vom 21./22. November 2009 - zusammen mit der taz am Kiosk erhältlich.     Foto: taz

Die Bahn will die Finanzierung allerdings bis Ende des Jahres nochmals durchrechnen. Bahnchef Rüdiger Grube kündigte bereits an, die ursprünglich kalkulierten 3,076 Milliarden Euro würden nicht reichen. Der designierte Ministerpräsident Baden-Württembergs, Stefan Mappus, schloss vorsorglich aus, die finanzielle Beteiligung des Landes zu erhöhen.
Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU), nimmt die Bahn bereits in die Pflicht. Für den Fall, dass die Bahn Mehrkosten entdeckt, sagte er taz.de: „Dann muss man reden, warum die Bahn nach so vielen Jahren Planung nicht richtig kalkuliert hat. Wir sind elf Jahre in Verzug, eine weitere Verzögerung kann den Bürgern niemand mehr verständlich machen. Im nächsten Jahr muss wie geplant mit dem Bau von Stuttgart 21 begonnen werden." Die Pläne für Stuttgart 21 waren 1994 der Öffentlichkeit vorgestellt worden.
Drexler attackierte die Gegner von Stuttgart 21. "Die erzählen den Leuten doch tatsächlich, es drohe eine Einsturzkatastrophe wie in Köln", sagte er der sonntaz. "Das steht auch in ihrem Flyer, der in ganz Stuttgart verteilt wurde. Ältere Leute rufen bei mir an und denken, wir wären total irre. Reine Panikmache."
"Der Drexler ist wie ein Lautsprecher, der ständig vor sich hinquatscht", sagte dagegen der Projektgegner Stocker der sonntaz. Der BUND wirft Drexler und dem Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner wiederum vor, bewusst Fakten zu verdrehen: "Es ist sachlich falsch und unredlich, die Neubaustrecke von Stuttgart nach Ulm untrennbar mit dem Prestigeprojekt Stuttgart 21 zu verknüpfen", sagte BUND-Regionalgeschäftsführer Ralf Stolz taz.de.
Auch in der SPD ist Streit ausgebrochen. Die Partei unterstützt Stuttgart 21 seit Jahren. Die Kandidatin für den Landesvorsitz der SPD, Hilde Mattheis, forderte aber in dieser Woche, die Pläne für den neuen Tiefbahnhof fallen zu lassen. Auch mehrere Ortsvereine wollen auf dem nächsten Landesparteitag Ende November ein Ausstieg aus Stuttgart 21 beschließen. Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner gab sich empört: "Das ist ein Tritt in den Hintern der Sozialdemokraten im Raum Stuttgart".
Neben Stuttgart 21 ist eine Bahn-Neubaustrecke nach Ulm geplant, die auch unter Gegnern von Stuttgart 21 unumstritten ist und als wichtiges Vorhaben gilt. Die Strecke könnte auch ohne den Stuttgarter Tiefbahnhof gebaut werden. In einer doppelseitigen Reportage erzählt die sonntaz, wie die Idee des Projektes entstand, wie es auf den Weg gebracht wurde und schließlich die Stadt tief spaltete. Der taz-Kolumnist Georg Seeßlen befasst sich mit den Zukunftsvisionen der Großstädte zwischen Luxus und Zombietown.


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Gentrifizierung und Verslummung: Beides ist für Immobilienbesitzer profitabel

Stadt der Zukunft: Zombietown

KOMMENTAR VON GEORG SEESSLEN
(Georg Seeßlen lebt in Kaufbeuren. Er studierte Malerei, Kunstgeschichte und Semiologie in München, war Dozent an diversen Hochschulen und arbeitet als freier Autor für verschiedene deutsche Zeitungen. Zudem hat er rund 20 Filmbücher geschrieben.)

Science-Fiction-Fans wissen es seit einem halben Jahrhundert: Die Stadt der Zukunft wird aus einem geschützten Luxusraum der Superreichen und einem endlos wuchernden Slum bestehen. Unsere Städte folgen nämlich einerseits der Logik des Kapitals und andrerseits der Logik des Todestriebs. An vielen Stellen sehen sie aus, als sei ihnen bereits das Bewohntwerden zum Gräuel geworden, als wären Menschen für sie nur ein eigentümlicher Parasitenbefall. Die gültigste Metapher für den Restmenschen in den zu Tode sanierten und gleichzeitig zu Tode verkommenen Städten ist der Untote, ist der Zombie.

Dass unsere zukunftsorientierten Städte - siehe Hamburg, siehe Stuttgart - aus einem zirkulären System von
Gentrifizierung und Verslummung entstehen, was die Wohngebiete anbelangt, sind wir seit geraumer Zeit gewohnt. Und die dazugehörigen Tragödien kennen wir auch: Ein Viertel wird saniert, die alten Mieter, die entweder die steigenden Kosten nicht mehr tragen können oder ganz einfach zum neuen Typus des Anwohners nicht mehr passen, werden hinausgedrängt. Dabei geht man indirekt und nicht selten auch direkt über Leichen. In derselben Logik und in denselben Strukturen, in denen man ein Viertel sozial und kulturell mörderisch "sanieren" kann, kann man ein anderes "verkommen lassen". Beide Strategien sind für die Immobilienbesitzer und ihre Nutznießer (auch in der Politik) profitabel. Zudem machen sie die Dynamik des Systems aus, denn der Wert einer Immobilie ist kein absoluter, sondern ein relationaler. Sonst würde sich das Spekulieren ja nicht lohnen.

In der neoliberalen Welt, in der die Lebensgrenze nicht mehr zwischen Fabrik und Wohnung verläuft, sondern zwischen Schlafen und Kaufen, werden schließlich auch die öffentlichen Räume, wie etwa der Bahnhof, gentrifiziert. Der soziale Zugang soll beschränkt werden. Es werden soziale und kulturelle Aufenthalts- und Verständigungsorte geschaffen, zu denen Verlierer keinen Zutritt mehr haben. Wer hier "bleibt", auch nur für eine gewisse Zeit, der muss das nötige Geld haben, und das fängt bei der Toilettenbenutzung an.
Eine klassisch-kapitalistische Stadtentwicklung hat einen ihrer Motoren in der Differenz der Immobilienpreise zwischen Zentrum und Peripherie. Die Gentrifizierung teilt die Bewohner eines Wohnviertels: Die einen gehen ins Ghetto, die anderen fliehen in die Peripherie. Damit wird jedes Mal der Druck im Ghetto erhöht, und die Preise in der Peripherie steigen. Dieser Preisspirale hält in aller Regel nicht einmal der sich sicher wähnende "kleine Hausbesitzer" stand. Der Weg dann geht entweder zurück in die Städte, das heißt in die Ghettos, oder noch weiter an die Peripherie.
Gentrifizierung erzeugt also ganz direkt jene Megacity, die keinen kulturellen Zusammenhang mehr hat und die letztlich nichts anderes mehr kontrolliert als Geld, Blut und Droge. Die öffentlichen Räume sind dabei soziale Selektionsmaschinen, wie es früher die Stadttore waren. Womit wir wieder bei den Zombies wären. In der Science-Fiction legen sie und andere Verlierer des Neoliberalismus die gentrifizierten öffentlichen Räume in Schutt und Asche.
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