Rundmail vom 13.1.2017
Liebe FreundInnen,

mit einer spektakulären Zeremonie wurde am Mittwoch die Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie gefeiert. Gerade zu überschwänglich die Kommentare und Lobpreisungen der Architektur, der Akustik und des Programmkonzepts – nach allem, was aus der Distanz erfahren ist: Zurecht! Hamburg hat ein neues Wahrzeichen, Gratulation!
Bei allem Jubel hat die Berichterstattung auch die Skandalgeschichte dieses Projekts nicht
verschwiegen (taz: www.taz.de/!5368753/ und viele andere). Neben dem Berliner Großflughafen und
Stuttgart 21 war die Elbphilharmonie eines aus dem Dreigestirn der Skandalprojekte der
Republik und immer in einem Atemzug genannt, z.B. in der Satirezeitung Postillon: www.der- postillon.com/2013/03/ber-stuttgart-21-und-elbphilharmonie.html.
Was Kostenexplosion, Zeitverzögerungen, Planungschaos, Faktenschaffen und Täuschungsmanöver von Politik und beteiligten Unternehmen betraf, standen sie sich in nichts nach. Und nun überstrahlt in Hamburg das beeindruckende Ergebnis dieser Entwicklung die ganze Leidensgeschichte. Schwamm drüber, Ende gut - alles gut?
„Manchmal müsse man für visionäre Ideen aber auch Wagnisse eingehen und Widerstände eingehen“, meint Hamburgs 1. Bürgermeister Olaf Scholz (StZ 13.1.2016,S 31) – Musik in den Ohren der Tunnelbahnhofsfreunde! Man ahnt, wie gern und schnell sich die Stuttgart 21- Verantwortlichen diese „Erzählung“, wie das neudeutsch heißt, zu eigen machen werden: es dauert zwar länger und wird teuer - zugegeben: nicht schön – aber am Ende werden alle zufrieden sein, Freund und Feind versöhnt werden stolz auf den neuen Bahnhof und einen zugewonnenen Stadtteil sein. Das Ergebnis zähle.
Eben: Das Ergebnis zählt! Und das ist bei S21 – wenn es je zur Fertigstellung kommt – anders als in Hamburg negativ. Während die Hansestadt sich über ein großartiges Konzerthaus freuen kann, fließen in Stuttgart die explodierenden Milliarden in eine Bahnhofsverkleinerung. Bekommt Hamburg ein neues Wahrzeichen, zerstört Stuttgart seins. Schwelgen die Hamburger in modernem Kulturgenuss, erstickt Stuttgart in Verkehrschaos und Feinstaub, weil Verkehr von der Schiene auf die Straße verlagert wird. Punktet Hamburg mit spektakulären oberirdischen Konzerten, wird Stuttgart die Schlagzeilen auf unabsehbare Zeit mit Gedränge auf unterirdischen Bahnsteigen, immer wieder mit Unfällen in brandgefährlichen Tunneln oder mit Streckensperrungen auffallen, weil hier und da der Gipskeuper die Gleise hebt – von Schlimmerem gar nicht erst zu reden.
Wie gesagt: wenn dieses Projekt je fertig wird. Denn anders als in Hamburg, wo es viel
berechtigte Kritik, im Gegensatz zu S21 auch einen Untersuchungsausschuss gab, aber keine
Bürgerbewegung gegen das Projekt und keine Forderungen nach Ausstieg gab, gibt es beides
in Stuttgart, aus gutem Grund und unübersehbar. Wenn man sich wie die SWR-Landesschau
„ .. nur mal rein theoretisch - vorstellt, der Bau von Stuttgart 21 würde auch dreimal länger
dauern als geplant (wie die Elbphilharmonie): Dann würde der erste Zug im neuen
Tiefbahnhof erst im Jahr 2037 fahren! Bis dahin könnten die Gegner noch zu mehr als 1.000
Montagsdemonstrationen zusammenkommen“. www.swr.de/landesschau-aktuell/bw/stuttgart/was-waere-wenn- stuttgart21-die-elbphilharmonie-waere/-/id=1592/did=18804422/nid=1592/5l4fvp/